Einordnung & Praxis-Erfahrung

Strom wird 2027 wieder teurer: Warum mich die 12 Euro kaltlassen

Digitaler Haushaltsstromzähler mit LCD-Anzeige – Symbolbild zu den steigenden Netzentgelten 2027

Bild: RobbieIanMorrison, „Logarex smart household electricity meter build year 2023“, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons – freigestellt und auf 16:9 gesetzt.

Seit ein paar Tagen läuft dieselbe Meldung durch alle großen Wirtschaftsressorts: Der Bund fährt seinen Zuschuss zu den Stromnetzkosten zurück, die Netzentgelte steigen 2027, Strom wird wieder teurer. In den Überschriften klingt das nach der nächsten Kostenwelle. Ich habe mir die Zahlen dahinter angesehen – und mit dem verglichen, was in den letzten zwei Jahren tatsächlich auf meiner eigenen Stromrechnung passiert ist. Das Ergebnis ist unspektakulär und deshalb genau das, was in den Schlagzeilen fehlt: Es geht um ungefähr einen Euro im Monat. Wer sich darüber aufregt, während sein Tarif seit vier Jahren unangetastet in der Grundversorgung läuft, verliert an anderer Stelle das Zehnfache.

Was in der Meldung wirklich steht

Der Kern ist ein Haushaltsposten: Im Regierungsentwurf zum Wirtschaftsplan des Klima- und Transformationsfonds (KTF) ist für 2027 ein Zuschuss von rund 5,5 Milliarden Euro zu den Übertragungsnetzkosten vorgesehen – nach 6,5 Milliarden Euro in diesem Jahr. Das ist eine Kürzung um knapp 15 Prozent. Dieser Zuschuss ist der Grund, warum die Netzentgelte Anfang 2026 überhaupt gesunken sind; fällt ein Teil davon weg, dreht sich der Effekt entsprechend um.

Die Umrechnung auf den Haushalt liefert der Vergleichsdienst Verivox: Pro fehlender Milliarde Euro steigt das Netzentgelt um etwa 0,25 Cent netto je Kilowattstunde. Für die eine Milliarde, um die es geht, macht das rund 3 Prozent höhere Netzgebühren – und weil die Netzentgelte laut BDEW nur etwa ein Viertel des Strompreises ausmachen, landet man am Gesamtpreis bei ungefähr 1 Prozent.

Single-Haushalt (1.500 kWh/Jahr)ca. 5 € mehr pro Jahr
Zwei-Personen-Haushalt (2.800 kWh/Jahr)ca. 8 € mehr pro Jahr
Drei-Personen-Haushalt (4.000 kWh/Jahr)ca. 12 € mehr pro Jahr
Netzentgelt heute (netto, BDEW)ca. 9,3 ct/kWh
Haushaltsstrompreis Musterhaushalt (BDEW, April 2026)37,0 ct/kWh

Wie viel teurer wird Strom 2027 wirklich?

Kurzantwort: Rund ein Prozent. Bei 4.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch sind das etwa 12 Euro, also ungefähr ein Euro pro Monat. Die Netzentgelte selbst steigen stärker – um rund 3 Prozent –, machen aber nur etwa ein Viertel des Strompreises aus. Beschaffung und Vertrieb (rund 41 Prozent) sowie Steuern und Abgaben (rund 34 Prozent) bleiben von dieser Entscheidung unberührt.

Woraus der Strompreis besteht – und was sich 2027 ändert Beschaffung & Vertrieb 41 % Steuern & Abgaben 34 % Netzentgelte 25 % nur hier: +3 % = rund +1 % am Gesamtpreis Musterhaushalt 3.500 kWh: 37,0 ct/kWh (BDEW, April 2026) · Netzentgelt heute 9,3 ct/kWh netto Wirkung der Zuschusskürzung: rund 0,25 ct/kWh netto je fehlender Milliarde Euro
Wichtig zur Einordnung: Endgültig ist noch nichts. Der KTF-Wirtschaftsplan ist ein Regierungsentwurf, und die vorläufigen Netzentgelte für 2027 veröffentlichen die Netzbetreiber erst zum 1. Oktober. Die Spannweite zwischen den Netzgebieten ist dabei regelmäßig größer als der bundesweite Durchschnittseffekt – im eigenen Netzbereich kann es also spürbar anders aussehen.

Meine eigene Rechnung: zwölf Euro gegen zwei Jahre Praxis

Ich betreibe seit gut zwei Jahren eine 10-kWp-Photovoltaikanlage, lade ein Tesla Model Y über eine easee-Wallbox und beziehe meinen Reststrom über einen dynamischen Tibber-Tarif. Diese Kombination ist der Grund, warum ich bei solchen Meldungen zuerst nachrechne, statt mich zu ärgern.

Ein Beispiel aus dem eigenen Haushalt: Die Einspeisevergütung, die ich mir 2024 gesichert habe, liegt bei 8,11 Cent pro Kilowattstunde. Jede Kilowattstunde, die ich stattdessen selbst verbrauche, spart mir den vollen Bezugspreis. Bei aktuell rund 33 bis 37 Cent für Netzstrom ist das eine Differenz von etwa 25 Cent – pro Kilowattstunde. Anders gesagt: Rund 50 Kilowattstunden mehr Eigenverbrauch im Jahr gleichen die komplette Netzentgelt-Erhöhung aus. Das ist bei einer 10-kWp-Anlage ungefähr ein einziger guter Sonnentag, an dem das Auto mittags statt abends lädt.

Der zweite Vergleich fällt noch deutlicher aus. Wer heute in der Grundversorgung steckt – und das sind in Deutschland immer noch Millionen Haushalte –, zahlt in aller Regel deutlich mehr als im günstigsten verfügbaren Tarif desselben Netzgebiets. Der Unterschied liegt bei einem 4.000-kWh-Haushalt üblicherweise im dreistelligen Bereich pro Jahr. Gegen diesen Betrag sind 12 Euro Netzentgelt-Aufschlag eine Rundungsdifferenz. Genau das ist mein Punkt: Die Meldung, über die diese Woche alle schreiben, betrifft den einen Teil der Rechnung, den man als Verbraucher überhaupt nicht beeinflussen kann. Die Teile, die man beeinflussen kann, sind größer – und werden ignoriert, weil sie kein Aufreger sind.

Netzentgelt-Erhöhung 2027 (4.000 kWh)ca. 12 € / Jahr
Meine Einspeisevergütung (gesichert 2024)8,11 ct/kWh
Ersparnis je selbst verbrauchter kWh statt Einspeisungca. 25 ct/kWh
Nötiger Mehr-Eigenverbrauch, um die 12 € auszugleichenca. 50 kWh / Jahr

Welche drei Hebel senken die Stromrechnung stärker?

Kurzantwort: Erstens der Tarif – raus aus der Grundversorgung, das bringt bei 4.000 Kilowattstunden meist einen dreistelligen Jahresbetrag. Zweitens die Verbrauchszeit: große Verbraucher in günstige Stunden legen, wenn ein dynamischer Tarif läuft. Drittens der Eigenverbrauch bei vorhandener PV-Anlage. Alle drei wirken um ein Vielfaches stärker als die rund 12 Euro Netzentgelt-Erhöhung.

1. Den Tarif prüfen – einmal im Jahr, nicht einmal im Jahrzehnt

Das ist der langweiligste Rat der Welt und trotzdem der wirksamste. Wichtig ist die Reihenfolge: Erst der Wechsel, dann die Feinoptimierung. Wer aus einem alten Grundversorgungstarif in einen marktüblichen Vertrag wechselt, holt in einem Schritt mehr heraus als mit jeder Verhaltensänderung. Ein Blick auf die eigene Jahresabrechnung genügt: Steht dort ein Arbeitspreis deutlich über 37 Cent brutto, ist Handlungsbedarf da. Wie sich Verbrauch und Kosten überschlagen lassen, zeigt unser Stromkosten-Rechner in unter einer Minute.

2. Verbrauch verschieben, wenn ein dynamischer Tarif läuft

Bei meinem Tibber-Vertrag schwankt der Preis stündlich – nachts und an windigen Wochenenden ist er zeitweise sehr niedrig, in den frühen Abendstunden teuer. Spülmaschine, Trockner, Wärmepumpe und Wallbox in die günstigen Fenster zu legen, ist kein Verzicht, sondern eine Frage der Zeitschaltung. Der Effekt ist bei einem Haushalt mit großen, verschiebbaren Verbrauchern zweistellig bis dreistellig pro Jahr. Ohne solche Verbraucher lohnt sich ein dynamischer Tarif dagegen deutlich weniger – wir haben aufgeschrieben, für wen sich dynamische Stromtarife wirklich rechnen und wo die Fallstricke liegen.

3. Eigenverbrauch statt Einspeisung

Für PV-Besitzer ist dies der größte Hebel überhaupt, und er ist in den letzten Jahren immer größer geworden – nicht weil der Strom teurer wurde, sondern weil die Einspeisevergütung so weit gefallen ist. Bei unter 8 Cent Vergütung und über 30 Cent Bezugspreis lohnt sich praktisch jede Kilowattstunde, die im Haus bleibt. Wie stark dieser Effekt ist, habe ich für das Model Y mit PV-Überschussladen mit echten Zahlen durchgerechnet; wann sich zusätzlich ein Speicher lohnt, steht im Ratgeber Stromspeicher: Ab wann lohnt er sich?. Und warum der viel diskutierte Vergütungs-Stichtag am 31. Juli aus meiner Sicht ebenfalls überschätzt wird, habe ich vor wenigen Tagen in der Einordnung zur Einspeisevergütung beschrieben.

Was kostet Ihr Strom aktuell wirklich?

Verbrauch und Arbeitspreis eintragen – der Rechner zeigt Jahreskosten und den Effekt eines besseren Tarifs.

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Was Sie ab dem 1. Oktober prüfen sollten

Bis zum Herbst ist die Diskussion Theorie. Konkret wird sie an drei Terminen, und die lohnen sich als Notiz im Kalender:

  • 1. Oktober 2026: Die Netzbetreiber veröffentlichen ihre vorläufigen Netzentgelte für 2027. Erst dann steht fest, wie stark es im eigenen Netzgebiet nach oben geht – die regionalen Unterschiede sind erheblich.
  • Oktober bis Dezember: Die Versorger verschicken ihre Preisanpassungen zum Jahreswechsel. Eine Preiserhöhung löst ein Sonderkündigungsrecht aus – das ist der einfachste Moment für einen Wechsel, weil keine Restlaufzeit im Weg steht.
  • Januar 2027: Erste Jahresabrechnungen mit den neuen Entgelten. Wer im Herbst gewechselt hat, sieht hier, ob die Rechnung aufgegangen ist.

Und eine Einordnung, die in der Aufregung untergeht: Die Netzentgelte sind Anfang 2026 bundesweit um rund 15 Prozent gesunken – eben wegen des Zuschusses, der nun teilweise wegfällt. Was 2027 passiert, ist keine neue Belastung, sondern die teilweise Rücknahme einer Entlastung, die vor anderthalb Jahren noch als große Erleichterung gefeiert wurde. Das macht sie nicht besser, aber es rückt die Größenordnung zurecht.

Wen es härter trifft als Privathaushalte

Ein Punkt, der in den Verbraucher-Schlagzeilen fast untergeht: Für stromintensive Industriebetriebe ist derselbe Effekt keine Rundungsgröße. Die Stahlindustrie warnt vor zusätzlichen Netzkosten von rund 50 Millionen Euro im Jahr – ein Plus von etwa 20 Prozent gegenüber heute. Der Grund ist simpel: Ein Betrieb, der ein Vielfaches eines Haushalts verbraucht, multipliziert dieselben 0,25 Cent pro Kilowattstunde mit einer ganz anderen Menge. Wer die politische Debatte der nächsten Monate verfolgt, wird deshalb vor allem Industrieargumente hören – nicht die 12 Euro des Drei-Personen-Haushalts.

Häufige Fragen

Wie viel teurer wird Strom 2027 durch die Netzentgelte?

Rund 1 Prozent am Gesamtpreis. Die Netzentgelte selbst steigen um etwa 3 Prozent, machen aber nur rund ein Viertel des Strompreises aus. Für einen Drei-Personen-Haushalt mit 4.000 kWh sind das ungefähr 12 Euro im Jahr, für einen Single-Haushalt rund 5 Euro.

Wann stehen die Netzentgelte für 2027 endgültig fest?

Die vorläufigen Netzentgelte veröffentlichen die Netzbetreiber zum 1. Oktober. Erst dann lässt sich für den eigenen Netzbereich beziffern, wie stark es steigt – die Unterschiede zwischen den Netzgebieten sind größer als der bundesweite Durchschnitt.

Was senkt die Stromrechnung stärker als diese Erhöhung?

Ein Wechsel aus der Grundversorgung bringt bei 4.000 kWh meist einen dreistelligen Betrag pro Jahr. Dazu kommen das Verschieben großer Verbraucher in günstige Stunden bei dynamischen Tarifen und – für PV-Besitzer – konsequenter Eigenverbrauch statt Einspeisung.

Lohnt sich jetzt ein dynamischer Stromtarif wegen der Erhöhung?

Nicht wegen dieser Erhöhung – die betrifft das Netzentgelt und wird in jedem Tarif weitergereicht. Ein dynamischer Tarif lohnt sich, wenn große verschiebbare Verbraucher wie Wallbox, Wärmepumpe oder Speicher vorhanden sind. Ohne die bleibt der Effekt klein.

Fazit: Die richtige Zahl im Blick behalten

Die Meldung stimmt: Strom wird 2027 durch die Netzentgelte etwas teurer. Nur ist „etwas“ hier wörtlich zu nehmen – ein Euro im Monat für einen durchschnittlichen Haushalt. Ich habe nach zwei Jahren mit PV, Wallbox und dynamischem Tarif gelernt, dass die Stellschrauben, die wirklich etwas bewegen, allesamt im eigenen Zugriff liegen: der Tarif, die Verbrauchszeit und der Eigenverbrauch. Die Netzentgelte gehören nicht dazu. Wer sich über sie ärgert, ärgert sich über die einzige Position auf der Rechnung, an der er ohnehin nichts ändern kann. Den Herbst-Termin am 1. Oktober sollte man sich trotzdem notieren – nicht wegen der 12 Euro, sondern weil die Preisanpassungen im Herbst der beste Anlass sind, den eigenen Tarif endlich einmal wieder anzufassen.