Sicherheit & Auto

35 Jahre Polizei, dann kam Keyless Go: Wie leicht mein Auto zu knacken wäre

In 35 Jahren bei der Hamburger Polizei habe ich genug aufgebrochene Türschlösser und eingeschlagene Seitenscheiben gesehen, um zu wissen, wie klassischer Autodiebstahl aussieht. Keyless Go hat diese Bilder überflüssig gemacht. Kein Werkzeug, keine Spur, kein Alarm – nur zwei kleine Funkgeräte und ein Auto, das am nächsten Morgen einfach weg ist. Als ich zum ersten Mal ein Video eines Relay-Angriffs auf einer Überwachungskamera sah, war mein erster Gedanke der eines Ermittlers: Wie soll man das je jemandem nachweisen, wenn nichts zerstört wurde? Mein zweiter Gedanke war der eines Autobesitzers: Mein eigenes Fahrzeug hat genau dieses System.

Autoschlüssel mit Keyless-Go-Funktion neben einem signalabschirmenden Etui, Symbolbild für Relay-Angriff-Schutz

Symbolbild: KI-generiert

Transparenz: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links (*). Kaufen Sie darüber, erhalten wir eine Provision – der Preis ändert sich für Sie nicht. Die kriminaltechnische Einordnung stammt aus eigener Berufserfahrung, die technischen Angaben aus dem aktuellen ADAC-Test 2026 und recherchierten Fachquellen (Quellen am Artikelende).

Warum ist Keyless Go trotz Alarmanlage keine Sicherheit?

Kurzantwort: Weil eine Alarmanlage nur anschlägt, wenn jemand gewaltsam eindringt – ein Relay-Angriff tut genau das nicht. Der Dieb öffnet die Tür regulär mit dem (fremdgesteuerten) Funksignal und startet den Motor genauso regulär. Für das Auto sieht es aus wie der berechtigte Fahrer mit Schlüssel in der Tasche. Keine ausgelöste Sirene, kein Einbruchsalarm, oft nicht einmal ein Eintrag im Fehlerspeicher.

Das ist der Unterschied zu allem, was ich aus meiner aktiven Zeit an klassischen Diebstahldelikten kannte: Bei jedem gewaltsamen Aufbruch bleiben Spuren – ein aufgehebeltes Schloss, ein Kratzer am Zylinder, Glassplitter. Diese Spuren waren immer der erste Ansatzpunkt für die Ermittlung. Beim Relay-Angriff bleibt nichts davon zurück, außer vielleicht der Fahrzeugkamera eines Nachbarn, die zwei Personen mit kleinen Geräten in der Einfahrt zeigt – wenn überhaupt jemand hinschaut.

Wie funktioniert ein Relay-Angriff genau?

Kurzantwort: Zwei Täter, zwei kleine Funkrelais. Einer hält sein Gerät nah an die Haustür oder das Fenster, hinter dem der Schlüssel vermutlich liegt, und fängt dessen automatisch gesendetes Funksignal ab. Das Signal wird über eine Distanz von bis zu 400 Metern – auch durch Wände hindurch – zum zweiten Gerät direkt am Auto weitergeleitet. Für das Fahrzeug sieht es so aus, als läge der Schlüssel unmittelbar daneben: Die Tür entriegelt sich, der Startknopf funktioniert.

Die eigentliche Schwachstelle liegt in der Bauart von Keyless Go selbst: Der Schlüssel sendet sein Erkennungssignal dauerhaft und passiv aus, ohne dass jemand einen Knopf drückt – genau das macht den Komfort aus, und genau das macht ihn angreifbar. Diese Sicherheitslücke ist keine Neuigkeit; Sicherheitsforscher weisen seit über zehn Jahren darauf hin. Neu ist, wie professionell und günstig das nötige Equipment inzwischen zu beschaffen ist.

5 SCHUTZSTUFEN GEGEN RELAY-ANGRIFFE Von kostenlos bis zusätzliche Absicherung 1 Schlüssel weit von Tür/Fenster lagern Kostenlos – reduziert die Reichweite für Relais-Empfänger sofort 2 Geprüftes Signalabschirm-Etui Blockiert das Funksignal vollständig – nur wenn der Schlüssel wirklich drinsteckt 3 Mechanische Zusatzsicherung Lenkradkralle oder Getriebeschloss – sichtbar und abschreckend 4 Video-Überwachung der Einfahrt Abschreckung plus Beweismittel für Polizei und Versicherung 5 GPS-Tracker als Rückversicherung Falls es trotzdem passiert: Standort in Echtzeit statt Totalverlust Keine Einzelmaßnahme reicht allein – die Kombination macht den Unterschied Quellen: ADAC-Test 2026, Fachquellen zu Relay-Angriffen, eigene Berufserfahrung · Grafik: SmartHome Kompass

Infografik zum Teilen – Quellenangaben unten in der Grafik.

Welche Autos sind besonders gefährdet?

Der ADAC hat Anfang 2026 rund 800 Fahrzeuge auf Sicherheitslücken bei Keyless-Go-Systemen getestet – mit einem für mich als Ex-Ermittler ernüchternden Ergebnis: Nur etwa 15 Prozent der Autos bestanden den Test, bei den übrigen ließen sich Türen per Relay-Angriff öffnen und der Motor starten. Das betrifft praktisch alle Preisklassen und Marken – Keyless Go ist längst kein reines Oberklasse-Feature mehr, entsprechend breit ist die Zielgruppe für Täter geworden.

Einzelne Hersteller rüsten mit Ultrabreitband-Technik (UWB) nach, die den Abstand zwischen Schlüssel und Auto viel präziser misst als klassisches Funksignal und Relay-Angriffe dadurch deutlich erschwert: Jaguar und Land Rover setzen das bereits seit 2018 ein, im VW-Konzern folgen unter anderem Cupra Born und Formentor sowie Audi A3 und Q4 e-tron, VW Golf 8 und die ID-Reihe. Wer ein Neufahrzeug kauft, kann UWB-Unterstützung gezielt als Kriterium abfragen – bei allen anderen Fahrzeugen mit klassischem Keyless-Go-Funk gilt: Ohne Zusatzschutz ist die Sicherheitslücke real, unabhängig vom Preis des Autos.

SchutzmaßnahmeKostenWas sie wirklich bringt
Schlüssel von Außenwänden fernhalten0 €Reduziert die Abfangreichweite, ersetzt aber keine echte Abschirmung
Geprüftes Signalabschirm-Etuica. 15–35 €Blockiert das Funksignal zuverlässig, nur bei konsequenter Nutzung
Lenkradkralle / Getriebeschlossca. 30–70 €Mechanische Hürde, macht Wegfahren trotz offener Tür deutlich schwerer
Video-Türklingel oder Einfahrtkameraab ca. 60 €Abschreckung plus Beweismittel, ersetzt keine Wegfahrsperre
GPS-Tracker im Fahrzeugab ca. 30 € + AboKein Diebstahlschutz, aber Standort und Wiederauffindungschance danach

Reicht ein Faraday-Etui wirklich aus?

Kurzantwort: Ein geprüftes, geerdetes Signalabschirm-Etui blockiert das Funksignal des Schlüssels zuverlässig – aber nur, wenn der Schlüssel wirklich jedes Mal darin landet. Genau daran scheitert es in der Praxis am häufigsten.

Aus meiner Zeit im Streifendienst kenne ich das Muster: Sicherheitsmaßnahmen scheitern selten an der Technik, sondern an der Gewohnheit. Der Schlüssel landet abends aus Routine auf der Kommode neben der Haustür statt im Etui – genau dort, wo er für einen Relay-Angriff am leichtesten zu erreichen ist. Ein Etui hilft nur, wenn es zur festen Routine wird wie das Abschließen der Wohnungstür selbst. Wer unsicher ist, ob das eigene Etui wirklich abschirmt, kann das mit einem einfachen Funktest prüfen: Auto in Reichweite des eingepackten Schlüssels bringen und versuchen, es per Knopf am Griff zu öffnen. Reagiert nichts, schirmt das Etui zuverlässig ab.

Was bringt ein GPS-Tracker als zusätzliche Absicherung?

Kein Etui und keine Lenkradkralle verhindert einen Diebstahl mit hundertprozentiger Sicherheit – deshalb gehört für mich eine Rückversicherung dazu, die erst greift, wenn es trotzdem passiert ist. Bei meinem eigenen Pedelec setze ich genau aus diesem Grund zusätzlich auf einen GPS-Tracker, nachdem ich mich ausführlich mit dem Thema Fahrzeug-Diebstahlschutz beschäftigt habe (Details dazu in meinem Ratgeber zu E-Bike-GPS-Trackern) – das Prinzip lässt sich eins zu eins auf Keyless-Go-Fahrzeuge übertragen: Ein fest verbautes oder OBD-gestecktes GPS-Modul liefert im Ernstfall den aktuellen Standort in Echtzeit an eine App, statt dass das Auto spurlos verschwindet. Für die Versicherung ist ein lückenloser Standortverlauf zudem oft der einfachste Nachweis, dass tatsächlich ein Diebstahl vorlag.

Mein eigenes Fahrzeug, ein Tesla Model Y, entgeht der klassischen Relay-Problematik übrigens aus einem anderen Grund: Es nutzt primär das Smartphone als Bluetooth-Schlüssel mit kryptografischer Challenge-Response-Authentifizierung statt eines passiv sendenden Funkschlüssels, dazu eine optionale PIN-to-Drive-Funktion. Das macht klassische Relay-Angriffe deutlich schwerer, aber nicht grundsätzlich unmöglich – auch Bluetooth-Systeme wurden in der Vergangenheit bereits erfolgreich angegriffen. Wer mehr zu meinen Erfahrungen mit dem Fahrzeug wissen möchte, findet sie in meinem Erfahrungsbericht zum Model Y.

Häufige Fragen

Was ist ein Relay-Angriff bei Keyless Go?

Zwei Täter arbeiten mit je einem kleinen Funkgerät zusammen: Einer hält eines davon nah an die Haustür oder das Fenster, wo der Autoschlüssel meist liegt, und fängt dessen ständig gesendetes Funksignal ab. Das Signal wird über bis zu 400 Meter – auch durch Wände – zum zweiten Gerät am Auto weitergeleitet, das dem Fahrzeug so vorgaukelt, der Schlüssel sei direkt daneben. Tür auf, Motor an, ohne dass der Schlüssel das Haus je verlassen hat.

Wie gut schützt ein Faraday-Etui wirklich?

Ein geprüftes, geerdetes Signalabschirm-Etui blockiert das Funksignal des Schlüssels zuverlässig – vorausgesetzt, der Schlüssel steckt tatsächlich jedes Mal darin. Genau das ist der Schwachpunkt in der Praxis: Aus Gewohnheit landet der Schlüssel oft ungeschützt auf der Kommode. Ein Etui hilft nur, wenn es zur festen Routine wird, keine Lücken durch Nähte oder Alterung hat und regelmäßig mit einem Funktest überprüft wird.

Zahlt die Versicherung bei Keyless-Go-Diebstahl?

In der Regel ja: Ein per Relay-Angriff gestohlenes Fahrzeug gilt als klassischer Diebstahl, den die Teilkaskoversicherung abdeckt. Wichtig ist der Nachweis, dass der Schlüssel zum Tatzeitpunkt nicht in fremder Hand war – ein lückenloses Kamerabild der Einfahrt oder ein GPS-Tracking-Verlauf des Fahrzeugs erleichtert die Schadensregulierung erheblich.

Fazit: Technik gegen Technik, aber ohne Gewohnheit wirkt nichts

Was mich an Keyless-Go-Diebstahl aus Ermittlerperspektive am meisten stört, ist die Spurlosigkeit – es gibt kein aufgebrochenes Schloss, an dem man ansetzen könnte, sondern nur ein Auto, das plötzlich weg ist. Umso wichtiger ist, Schutz nicht als einmalige Anschaffung zu verstehen, sondern als Routine: Schlüssel immer ins Etui, Lenkradkralle bei Fahrzeugen ohne UWB-Schutz, eine Kamera auf die Einfahrt gerichtet und ein GPS-Tracker als letzte Absicherung. Keine dieser Maßnahmen kostet mehr als eine Werkstattrechnung – und jede einzelne senkt das Risiko, dass mein Auto eines Morgens einfach nicht mehr in der Einfahrt steht.

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