47 % der verletzten Igel sterben: Mein Mähroboter läuft jetzt nur noch tagsüber
Symbolbild: KI-generiert.
Mein Mähroboter fährt seit über einem Jahr fast jeden zweiten Tag durch den Garten, meistens nachmittags, manchmal auch, wenn es schon dämmert. Bis ich mir diese Woche die Zahlen zu Igeln und Mährobotern angesehen habe, war mir nicht klar, dass ausgerechnet diese Dämmerungsfahrten das eigentliche Risiko sind. Auf der IFA 2026 hat eufy jetzt einen Mähroboter mit Wärmebild-Sensorik vorgestellt, der genau das lösen soll. Bevor ich über das neue Gerät schreibe, geht es erst um das Problem, das es lösen will – denn das ist größer, als die meisten Gartenbesitzer, mich eingeschlossen, bislang gedacht haben.
Warum sind Mähroboter für Igel so gefährlich?
Kurzantwort: Mähroboter dürfen als einziges Gartengerät auch nachts und sonntags fahren – also genau dann, wenn Igel als nachtaktive Tiere unterwegs sind. Statt vor der Gefahr zu flüchten, rollen sich Igel instinktiv zur Kugel zusammen. Das schützt zuverlässig vor Fressfeinden, aber nicht vor einem rotierenden Mähmesser, das einfach darüberfährt.
Genau dieses Verhalten macht Mähroboter zu einem Sonderfall unter den Gartengeräten. Ein klassischer Rasenmäher wird von Menschen geführt, die einen zusammengerollten Igel im Gras erkennen und ausweichen. Ein autonom fahrender Roboter tut das nur, wenn seine Sensorik das Tier überhaupt als Hindernis erfasst – und genau daran hapert es laut einer Studie der Universität Aalborg aus dem Jahr 2023: Von 18 getesteten Mährobotern erkannte keiner ein im Gras liegendes, reglos verharrendes Tier zuverlässig als Hindernis.
Die Zahlen stammen aus einer gemeinsamen Untersuchung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) mit der University of Oxford (WildCRU) und der Aalborg University, veröffentlicht Anfang 2024 in der Fachzeitschrift „Animals". Die Forschenden sprechen ausdrücklich von einem „erheblichen, aber lösbaren" Problem – und genau das ist der Grund, warum sich ein Blick auf die neue Technik lohnt, aber eben erst, nachdem das Ausmaß klar ist.
Der Igel selbst kann sich diese Bedrohung ohnehin nicht aussuchen: Die Weltnaturschutzunion IUCN hat den Westeuropäischen Igel im April 2026 in ihrer aktualisierten Roten Liste als „potenziell gefährdet" eingestuft. Der Rückgang trifft mehr als die Hälfte der Länder, in denen die Art vorkommt, in einzelnen Regionen wie Bayern und Flandern brachen die Bestände laut Naturschutzverbänden zeitweise um bis zur Hälfte ein. Mähroboter sind dabei nur einer von mehreren Faktoren neben Lebensraumverlust, Insektensterben und Straßenverkehr – aber der einzige, an dem man als Gerätebesitzer selbst direkt etwas ändern kann.
Was die neue Technik von der IFA 2026 wirklich ändert
Auf der IFA 2026 in Berlin hat eufy eine neue Mähroboter-Generation gezeigt, die Kleintiere per Wärmebild- und ToF-Sensorik auch bei Dunkelheit erkennen soll – nicht nur über eine sichtbare Kamera wie bislang üblich. Laut Herstellerangaben liegt die Reaktionszeit bei rund 0,1 Sekunden: Wird ein Tier erfasst, stoppt der Roboter sofort, hält einen Sicherheitsabstand von etwa einem Meter ein und umfährt die Stelle automatisch. Zusätzlich synchronisiert sich das System per GPS mit Sonnenauf- und -untergang und mäht dadurch grundsätzlich nur bei Tageslicht.
Das ist ein ehrlicher Fortschritt gegenüber dem, was wir selbst schon getestet haben. In unserem Praxistest des eufy C15 funktioniert die kamerabasierte Objekterkennung tagsüber zuverlässig – der Hersteller nennt sie sogar explizit igeltauglich. Nur ist eine sichtbare Kamera bei Dämmerung und Dunkelheit genau in der Zeit blind, in der Igel überhaupt erst aktiv werden. Die neue Wärmebild-Technik zielt exakt auf diese Lücke. Zum Zeitpunkt dieses Artikels hat eufy noch keinen konkreten Modellnamen, Preis oder Verkaufsstart für Deutschland genannt – ich habe das Gerät entsprechend nicht selbst getestet und schreibe hier ausdrücklich über die auf der Messe gezeigte Technik, nicht über ein Kaufprodukt.
Die Leibniz-Forschenden gehen ohnehin einen Schritt weiter als einzelne Hersteller-Features: Sie fordern einen verpflichtenden, europaweit einheitlichen Igel-Sicherheitstest für Mähroboter, geregelt über die europäische Normungsorganisation CENELEC – vergleichbar mit einem Crashtest, nur eben für Kleintiere statt für Insassen. Bis es so einen Standard gibt, bleibt die Sicherheit auch beim neuesten Gerät eine Herstellerangabe, keine geprüfte Norm.
Was schon heute hilft, ganz ohne neues Gerät
Kurzantwort: Den Mähzeitplan auf helle Tagesstunden begrenzen, Randstreifen und mögliche Verstecke von Hand mähen oder stehen lassen, den Garten vor dem Start kurz absuchen und die Schnitthöhe möglichst hoch stellen. Das kostet nichts, wirkt sofort und unabhängig davon, wie alt der eigene Mähroboter ist.
Ich habe bei meinem eigenen Gerät nachgesehen, wie der Zeitplan tatsächlich eingestellt war: nachts lief er nie, aber die letzte Fahrt reichte bis in die frühe Dämmerung hinein. Das habe ich als Erstes korrigiert – Ende der Mähfenster jetzt spätestens eine Stunde vor Sonnenuntergang, das lässt sich in praktisch jeder Mähroboter-App in wenigen Sekunden ändern. Drei weitere Punkte, die genauso wenig kosten:
- Randstreifen und Reisighaufen aussparen. Igel suchen tagsüber genau solche unübersichtlichen Ecken als Schlafplatz. Wer sie nicht komplett glattmäht, sondern einen 20–30 cm breiten Streifen von Hand nachschneidet, nimmt dem Roboter die kritischste Zone ab.
- Vor dem ersten Start kurz durchs Gras schauen. Besonders nach Regen oder in der Dämmerung ist eine kurze Sichtkontrolle vor dem Losfahren wirksamer als jeder Sensor – Igel bewegen sich bei Störung kaum.
- Schnitthöhe hochstellen. Ab etwa 8 cm Schnitthöhe bleibt genug Abstand zwischen Messer und Boden, um viele kleinere Zwischenfälle von vornherein zu entschärfen; das schont nebenbei auch den Rasen im Sommer.
Häufige Fragen
Warum sind Mähroboter für Igel so gefährlich?
Weil sie als einziges Gartengerät auch nachts und sonntags fahren dürfen – genau dann, wenn Igel aktiv sind. Igel flüchten bei Gefahr nicht, sondern rollen sich zusammen. Das hilft gegen Fressfeinde, aber nicht gegen ein Mähmesser.
Wie viele Igel werden durch Mähroboter verletzt?
Das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung zählte zwischen Juni 2022 und September 2023 in Deutschland 370 gemeldete Schnittverletzungen. 47 Prozent der Tiere starben, mindestens 60 Prozent wurden erst Tage oder Wochen später gefunden.
Gibt es ein Nachtfahrverbot für Mähroboter?
In einigen Kommunen wie Augsburg, Erfurt, Göttingen, Leipzig und Mainz ja. Bundesweit einheitlich ist es nicht geregelt. Die Leibniz-Forschenden fordern zusätzlich einen verpflichtenden europäischen Igel-Sicherheitstest für neue Geräte.
Was hilft schon heute, ohne einen neuen Mähroboter zu kaufen?
Mähzeiten auf helle Tagesstunden begrenzen, Randstreifen von Hand mähen oder stehen lassen, den Garten vor dem Start kurz absuchen und die Schnitthöhe hochstellen. Alles kostenlos und sofort umsetzbar.
Fazit: Die Technik hilft, ersetzt aber nicht den Blick in die eigene App
Die Wärmebild-Erkennung von der IFA 2026 ist die ehrlichste Antwort, die ich bisher auf dieses Problem gesehen habe – weil sie genau die Lücke schließt, die auch unser eigener Test eines kamerabasierten Modells offengelegt hat: gut bei Tag, blind in der Dämmerung. Trotzdem ist sie noch kein Kaufprodukt, und selbst wenn sie eines wird, ersetzt sie keinen europäischen Sicherheitsstandard, den es bislang schlicht nicht gibt. Was tatsächlich sofort wirkt, hat nichts mit neuer Hardware zu tun: ein Blick in die eigene Mäh-App, ein paar Minuten früher Feierabend für den Roboter und ein handbreiter Streifen Rasenkante, den man dem Gerät gar nicht erst überlässt.