Schutz & Sicherheit

Nachts weg in 30 Sekunden: die Keyless-Lücke

Autoschlüssel liegt nachts auf einer Kommode im Hausflur, im Hintergrund durch die Glastür ein geparktes Auto in der Einfahrt

Symbolbild: KI-generiert.

Der Schlüssel liegt im Flur, keinen Meter hinter der Haustür. Das Auto steht in der Einfahrt, acht Meter weiter. Dazwischen ist eine Wand – und die interessiert Funk nicht besonders. Genau in diesem Bild steckt die ganze Geschichte, und sie ist unspektakulärer, als sie klingt: Beim sogenannten Keyless-Diebstahl wird nichts aufgebrochen, nichts gehackt und nichts überlistet. Es wird nur eine Entfernung verkürzt. Das Auto macht danach freiwillig auf, weil es glaubt, der Besitzer stünde daneben.

Geknackt wird nichts. Das Auto verlängert seine eigene Reichweite.

Ein Keyless-System funktioniert über einen ständigen kurzen Funkdialog. Sobald Sie den Türgriff berühren, fragt das Auto in die Umgebung: Ist mein Schlüssel in der Nähe? Antwortet der Schlüssel korrekt, öffnet die Tür, und drinnen lässt sich der Motor starten. Die entscheidende Annahme dahinter lautet: Wer antwortet, steht auch dort. Diese Annahme ist der Kern des Problems.

Denn Funk lässt sich weiterreichen. Beim Relaisangriff arbeiten zwei Geräte zusammen: eines nahe am Schlüssel, eines nahe am Auto. Sie bilden eine Brücke und überbrücken damit nach Angaben des ADAC Hunderte von Metern. Der Schlüssel liegt weiter friedlich im Flur, aber das Auto hört ihn so, als hinge er am Türgriff. Es öffnet, es startet, es fährt.

Das ist die Wurzel des Problems: Nicht die Sicherheit wird überwunden, sondern der Komfort wird benutzt. Deshalb greifen die üblichen Reflexe hier ins Leere. Eine bessere Alarmanlage meldet keinen Einbruch, weil keiner stattfindet. Ein stabileres Schloss hält nichts auf, weil niemand daran zerrt. Eine Wegfahrsperre erkennt einen berechtigten Schlüssel – und den hat der Täter in diesem Moment technisch gesehen tatsächlich.

Aus meiner Zeit bei der Polizei kenne ich dieses Muster gut: Wo eine Tat keine Spuren hinterlässt, wird sie doppelt unangenehm. Sie ist leise, sie ist schnell, und sie ist hinterher schwer zu belegen. Fachmedien nennen für den kompletten Vorgang Zeiten von unter 30 Sekunden – diese Angabe stammt aus Presseberichten über polizeiliche Fallschilderungen, nicht aus einer amtlichen Statistik. Realistisch ist sie trotzdem: Es sind zwei Handgriffe.

Wen trifft das wirklich – und wen nicht?

Kurzantwort: Statistisch nur wenige, aber sehr ungleich verteilt. Nach der Statistik des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft wurden 2024 rund 14.162 kaskoversicherte Pkw gestohlen – bundesweit etwa drei je 10.000 versicherter Fahrzeuge. In Berlin lag die Quote bei rund 39 je 10.000, also grob dreizehnmal so hoch. In Bayern und Baden-Württemberg liegt sie deutlich unter dem Bundesschnitt.

Diese Zahlen verdienen eine ehrliche Einordnung, bevor irgendjemand Geld ausgibt. Drei von 10.000 sind 0,03 Prozent im Jahr. Wer einen zwölf Jahre alten Kompaktwagen ohne Keyless-Funktion in einer bayerischen Kleinstadt fährt, kann diesen Artikel an dieser Stelle mit gutem Gewissen schließen. Der wirtschaftliche Schaden hinter den Zahlen ist allerdings erheblich: Der GDV beziffert ihn für 2024 auf mehr als 290 Millionen Euro, im Schnitt gut 20.000 Euro je Fahrzeug.

Interessant ist, wen es trifft. In der GDV-Auswertung dominieren SUV und Premiummodelle; angeführt wurde die Liste zuletzt von Toyota- und Lexus-Modellen sowie Land Rover, bei Land Rover mit rund 1,7 Diebstählen je 1.000 versicherter Fahrzeuge dieser Marke. Prüfen Sie also nüchtern, wie viele der folgenden Punkte auf Sie zutreffen:

  • Ihr Auto öffnet und startet ohne Knopfdruck, allein weil der Schlüssel in der Tasche ist. Nur dann sind Sie überhaupt im Zielbereich dieser Methode.
  • Es ist ein SUV, ein Geländewagen oder ein gefragtes Premiummodell – die Nachfrage im Ausland steuert, was gestohlen wird, nicht die Technik allein.
  • Sie wohnen in einer Großstadt, besonders im Berliner Raum, oder in Autobahnnähe.
  • Das Auto steht nachts frei zugänglich in der Einfahrt oder am Straßenrand, nicht in einer verschlossenen Garage.
  • Der Schlüssel liegt in Türnähe – Flurkommode, Schlüsselbrett, Jackentasche an der Garderobe. Das ist der bequemste Ort und leider auch der ungünstigste.

Erst wenn mehrere Punkte zusammenkommen, lohnt der nächste Abschnitt. Und der beginnt nicht mit einem Einkauf, sondern mit einer Frage.

Ist mein Auto überhaupt angreifbar?

Kurzantwort: Das hängt an der verbauten Funktechnik. Fahrzeuge mit Ultra-Wide-Band (UWB) messen nicht nur, ob der Schlüssel antwortet, sondern über die Laufzeit des Funksignals auch, wie weit er entfernt ist. Eine verlängerte Strecke fällt dabei zwangsläufig auf, und das Auto reagiert nicht. In den Untersuchungen des ADAC ließen sich diese Modelle mit den eingesetzten Geräten nicht öffnen. Die Mehrheit der geprüften Fahrzeuge hatte diese Technik allerdings nicht.

Der ADAC prüft Keyless-Systeme seit Jahren fortlaufend; in der Auswertung vom Januar 2026 waren über 800 Fahrzeuge erfasst, und nur etwa jedes siebte widerstand dem Reichweiten-Verlängerer. Als geschützt geführt werden dort unter anderem Modelle von Jaguar Land Rover (seit 2018), der Golf 8 und die ID-Modelle von Volkswagen sowie verwandte Baureihen von Škoda, Seat und Cupra; bei weiteren Herstellern trifft es einzelne Modelle. Die Liste wird fortgeschrieben – maßgeblich ist immer der aktuelle Stand beim ADAC und nicht die Marke im Allgemeinen.

Ich habe das für unser eigenes Auto zum Anlass genommen, überhaupt erst einmal nachzusehen, was es eigentlich tut. Unser Model Y hat gar keinen klassischen Funkschlüssel mehr, sondern öffnet über das Smartphone und eine Karte zum Auflegen. Das ist eine andere Bauart – aber kein Freibrief, und ich behaupte hier ausdrücklich nicht, dass sie automatisch sicher wäre. Der Punkt ist ein anderer: Diese fünf Minuten Nachschlagen entscheiden darüber, ob der Rest des Artikels für Sie überhaupt relevant ist. Wer Geld ausgibt, ohne das geklärt zu haben, kauft möglicherweise eine Lösung für ein Problem, das sein Auto nicht hat.

Warum manche Autos reagieren und andere nicht Keyless ohne UWB Das Auto fragt „bist du da?“ – der Schlüssel antwortet, egal über welche Strecke. Die verlängerte Funkbrücke fällt nicht auf. Fahrzeug öffnet und startet. Keyless mit UWB Das Auto misst über die Signallaufzeit die tatsächliche Entfernung. Acht Meter bleiben acht Meter. Der verlängerte Weg verrät sich selbst. Schlüssel schläft oder ist abgeschirmt Der Schlüssel sendet gar nicht erst – unabhängig von der Fahrzeugtechnik. Es gibt kein Signal, das sich verlängern ließe. Kostet nichts. Vereinfachte Darstellung des Wirkprinzips nach den Angaben des ADAC zu Keyless-Systemen und Ultra-Wide-Band.

Was hilft, in dieser Reihenfolge

Stufe 1 – kostet nichts: den Schlüssel schlafen legen. Bei vielen Fahrzeugen lässt sich die Keyless-Funktion am Schlüssel deaktivieren, oft über einen doppelten Tastendruck oder eine Einstellung im Fahrzeugmenü. Der Schlüssel sendet dann erst wieder, wenn Sie bewusst drücken. Das ist die einzige Maßnahme, die das Problem an der Wurzel beseitigt, statt es zu erschweren: Wo nichts sendet, ist nichts zu verlängern. Der Preis dafür ist ein Knopfdruck pro Tag. Ob und wie es bei Ihrem Modell geht, steht in der Bedienungsanleitung – meist unter „Schlüssel“ oder „Zugangssystem“.

Stufe 1b – kostet ebenfalls nichts: den Ablageort ändern. Verlegen Sie den Schlüssel weg von Außenwänden, Haustür und Fenstern zur Straße. Jeder Meter zusätzlicher Abstand und jede weitere Wand macht es für ein Gerät auf dem Gehweg schwerer, den Schlüssel überhaupt zu erreichen. Und wenn eine verschließbare Garage vorhanden ist: Sie ist nach wie vor der beste Schutz, den es gratis gibt – aus dem einfachen Grund, dass ein Auto hinter einem geschlossenen Tor nicht einfach herausgefahren werden kann, egal wie bereitwillig es aufschließt.

Stufe 2 – kleiner zweistelliger Betrag: abschirmen, aber nachweislich. Metalldosen und abschirmende Etuis funktionieren, wenn sie dicht sind – und viele preiswerte Beutel sind es nicht oder verlieren die Wirkung, wenn das Gewebe knickt. Der ADAC empfiehlt deshalb einen Test, den jeder in zwei Minuten selbst macht: Schlüssel hinein, Behälter schließen, damit ans verschlossene Auto gehen und den Türgriff bedienen. Reagiert das Fahrzeug, taugt die Abschirmung nichts. Wiederholen Sie den Test nach einigen Monaten. Ausdrücklich abgeraten wird von der Aufbewahrung im Kühlschrank: Kälte und Feuchtigkeit schaden Batterie und Elektronik. Von Bewegungssensoren im Schlüssel, die nach einer Ruhezeit abschalten, hält der ADAC ebenfalls wenig – die Abschaltzeit reicht als Zeitfenster.

Stufe 3 – dreistellig, und nur bei erhöhtem Risiko: mechanisch und auffindbar. Wenn mehrere Punkte aus dem Betroffenheits-Abschnitt zusammenkommen, verschiebt sich die Logik. Eine mechanische Sperre am Lenkrad oder an den Pedalen ist unelegant, aber sie wirkt genau dort, wo Funk nichts ausrichtet: Sie kostet Zeit und Lärm, und beides mögen Täter nicht. Ein verstecktes Ortungsgerät verhindert dagegen keinen Diebstahl – es verbessert nur die Chance, das Fahrzeug wiederzubekommen. Genau dieselbe Abwägung haben wir beim Zweirad ausführlich durchgerechnet, die Argumente sind eins zu eins übertragbar: GPS-Tracker gegen E-Bike-Diebstahl – was er leistet und was nicht.

Was hier bewusst nicht steht, ist eine Produktempfehlung. In dieser Frage entscheidet die Fahrzeugtechnik über die Wirksamkeit, nicht der Kaufpreis – und die wirksamste Maßnahme kostet nichts.

Zahlt die Versicherung nach einem Keyless-Diebstahl?

Kurzantwort: Diebstahl ist in der Teilkasko grundsätzlich versichert, und die Beweislast für grobe Fahrlässigkeit trägt der Versicherer, nicht Sie. Reibung entsteht in der Praxis dort, wo überhaupt keine Spuren vorliegen und der Hergang deshalb schwer nachzuweisen ist. Neuere Tarife nennen Angriffe auf Funksysteme teilweise ausdrücklich in ihren Bedingungen.

Diesen Absatz kennzeichne ich bewusst als das, was er ist: eine allgemeine Einordnung aus Fachbeiträgen zum Versicherungsrecht, keine belastbare Primärquelle und erst recht keine Rechtsberatung. Wer wissen will, wie der eigene Vertrag mit spurenlosem Diebstahl umgeht, findet die Antwort nur an einer Stelle – in den eigenen Bedingungen. Zwei praktische Punkte gelten davon unabhängig:

  • Anzeige sofort erstatten, auch wenn die Aussichten gering wirken. Ohne polizeiliche Anzeige läuft weder die Fahndung noch die Regulierung. Die Aufklärungsquoten bei Kfz-Diebstahl sind niedrig – Hessen weist für 2025 beispielsweise 16,7 Prozent aus –, aber das ist kein Argument gegen die Anzeige, sondern eines dafür, sie schnell zu machen.
  • Beide Schlüssel aufbewahren und vorlegen können. Ein fehlender Zweitschlüssel ist der Punkt, an dem Rückfragen unangenehm werden.

Häufige Fragen

Hilft Alufolie um den Schlüssel wirklich?

Sie kann helfen, wenn sie den Schlüssel vollständig umschließt – nur weiß man das nicht, bevor man es geprüft hat. Machen Sie den Test am eigenen Auto, statt es anzunehmen. Praktischer im Alltag ist ohnehin eine feste Dose oder ein abschirmendes Etui, weil die Folie beim täglichen Ein- und Auspacken reißt und dann nur noch wie Schutz aussieht.

Betrifft das auch mein Auto mit normalem Funkschlüssel?

Für den Relaisangriff nicht. Wenn Sie zum Öffnen drücken müssen, gibt es keinen ständigen Funkdialog, der sich verlängern ließe. Andere Angriffswege auf Fahrzeugelektronik existieren zwar, sie sind aber ein anderes Thema – und für den klassischen Funkschlüssel ist die hier beschriebene Methode schlicht nicht anwendbar.

Nützt eine Kamera oder ein Bewegungsmelder in der Einfahrt?

Für die Aufklärung ja, für die Verhinderung kaum. Der Vorgang dauert Sekunden und sieht auf einer Aufnahme aus wie jemand, der in sein eigenes Auto steigt. Sinnvoll ist Kameratechnik hier eher als Teil eines Gesamtkonzepts fürs Grundstück – dazu haben wir den Ratgeber zum Einbruchschutz mit Smart-Home-Technik.

Wir fahren in den Urlaub – was ist am Ferienhaus anders?

Vor allem, dass Sie die Umgebung nicht kennen und der Schlüssel meist irgendwo nahe der Eingangstür landet. Legen Sie ihn auch dort weit weg von Türen und Fenstern und schalten Sie die Keyless-Funktion für die Reisezeit ab. Was sonst noch vor der Abfahrt zu tun ist, steht im Ratgeber Smart Home im Urlaub.

Kann ich mein Auto nachrüsten, damit es UWB bekommt?

Nein, das ist Teil des verbauten Zugangssystems und keine Zubehörfrage. Von günstigen Nachrüstsätzen, die am Originalschlüssel manipulieren, rät der ADAC ab. Wenn Ihr Fahrzeug die Technik nicht hat, sind die kostenlosen Maßnahmen aus Stufe 1 der richtige Weg – nicht der Umbau.

Fazit

Keyless-Diebstahl ist kein Hackerangriff, sondern eine Frage von Abstand. Genau das macht ihn ärgerlich und gleichzeitig überraschend einfach abzustellen: Zwischen Ihnen und der Sicherheit steht kein Produkt, sondern eine Seite in der Bedienungsanleitung und die Entscheidung, den Schlüssel künftig zwei Räume weiter abzulegen.

Und weil sich zum Schluss ohnehin jeder fragt, ob es ihn betrifft, hier die ehrliche Antwort: Die meisten trifft es nicht. Drei von 10.000 Fahrzeugen im Jahr sind wenig. Für die anderen ist der Schaden groß, die Spurenlage dünn und der Aufwand für den ersten Schutzschritt gleich null. Bei einem so schiefen Verhältnis muss man nicht lange abwägen – man legt den Schlüssel um.

Quellen: Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Autodiebstahl-Statistik für das Jahr 2024 (veröffentlicht 18.09.2025): 14.162 gestohlene kaskoversicherte Pkw, über 290 Millionen Euro Schaden, Diebstahlquoten nach Bundesländern, meistgestohlene Modellreihen · ADAC, Übersicht zu Keyless-Systemen und Diebstahlschutz (Stand 29.01.2026): Funktionsweise des Relaisangriffs, Reichweitenverlängerung um Hunderte Meter, über 800 untersuchte Fahrzeuge, Schutzwirkung von Ultra-Wide-Band, Empfehlungen zu Abschaltung, Abschirmung und Abschirmtest sowie Abraten von Kühlschranklagerung, Bewegungssensoren und Billig-Nachrüstsätzen · Polizeiliche Kriminalstatistik des Landes Hessen 2025 für die genannte Aufklärungsquote (Landeszahl, nicht bundesweit). Die Angabe „unter 30 Sekunden“ stammt aus Fachpresse-Wiedergaben polizeilicher Fallschilderungen und ist keine amtliche Statistik. Ausführungen zu Versicherungsfragen sind allgemeine Einordnungen aus versicherungsrechtlicher Fachliteratur und ersetzen keine Rechts- oder Versicherungsberatung im Einzelfall; maßgeblich sind Ihre Vertragsbedingungen.