Selbstfahrer 🚗 Ist Europa beim autonomen Fahren abgehängt? Überraschung: Viel komplizierter als gedacht
Kurz gesagt: In den USA fährt Waymo mit rund 2.500 Fahrzeugen etwa 250.000 bezahlte Fahrten pro Woche ohne Fahrer, in China kommt Baidus Apollo Go in über 20 Städten auf mehr als 20 Millionen Fahrten insgesamt. Europa erlaubt fahrerloses Robotaxi-Fahren im Alltag bislang praktisch nicht - Pilotprojekte wie Moias autonome ID.Buzz-Kleinbusse in Hamburg laufen weiterhin mit Sicherheitsfahrer an Bord. Fachleute auf einem Verkehrsforum an der TU Wien betonen dennoch: Europa hat technisches Know-how, das Problem ist vor allem regulatorisch und infrastrukturell, nicht technologisch.
Bild: von Joerg geschickt
Ständig neue Meldungen über fahrerlose Autos in China und den USA lassen Europa wie ein Museum für Verbrennerfahrer wirken. Die Frage, die viele deshalb umtreibt: Hat Europa den Anschluss beim autonomen Fahren schon verloren? Ein genauerer Blick zeigt, dass die Antwort komplizierter ausfällt als die Schlagzeilen.
Die Zahlen aus USA und China sind real - und groß
Waymo, die Robotaxi-Tochter von Google-Mutter Alphabet, betreibt nach eigenen Angaben inzwischen rund 2.500 Fahrzeuge in fünf US-Metropolregionen und kommt auf etwa 250.000 bezahlte Fahrten pro Woche - ganz ohne Sicherheitsfahrer am Steuer. In China ist das Bild noch größer: Baidus Robotaxi-Dienst Apollo Go ist mittlerweile in mehr als 20 Städten unterwegs und hat insgesamt über 20 Millionen Fahrten absolviert, dazu kommen Wettbewerber wie Pony.ai, WeRide und Didi. Auch das Fahrzeugkonzept geht dort schon weiter: Der chinesische Anbieter AutoX arbeitet laut einem Fachforum an der TU Wien an einem Modell namens „Tensor“, das als eines der ersten Serienfahrzeuge komplett ohne Lenkrad und Pedale gebaut werden soll.
Warum Europa trotzdem nicht einfach „hinterherhinkt“
In Deutschland und der EU sieht die Realität anders aus: Fahrerloses Fahren im alltäglichen Straßenverkehr ist bislang kaum zugelassen, Projekte laufen fast ausschließlich als eng begrenzte Pilotversuche. In Hamburg testet der VW-Ableger Moia rund 30 autonome ID.Buzz-Kleinbusse - allerdings weiterhin mit Sicherheitsfahrer an Bord, nicht im echten fahrerlosen Betrieb. Selbst Mercedes-Benz, das in Deutschland bereits 2021 als weltweit erster Hersteller eine Zulassung für automatisiertes Fahren der Stufe 3 (bis 95 km/h, Hände dürfen vom Lenkrad) erhalten hatte, bietet dieses System in der neuen S-Klasse 2026 vorerst nicht mehr an - aus Sicht des Herstellers war es mit anfänglich 60 km/h Höchstgeschwindigkeit im Stau zu alltagsuntauglich. Erst in einigen Jahren, dann wohl direkt mit bis zu 130 km/h, soll es zurückkehren. Auf einem Forum der Gesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen an der TU Wien betonten Fachleute, Europa verfüge durchaus über die technische Kompetenz für automatisierte Mobilität - das eigentliche Nadelöhr liege bei Regulierung, Haftungsfragen und der Infrastruktur historisch gewachsener, enger Innenstädte, die sich schlechter für Robotaxis eignen als die breiten Raster nordamerikanischer und vieler chinesischer Großstädte.
Es bewegt sich etwas - langsam
Ganz still steht Europa nicht: Waymo bereitet für die zweite Jahreshälfte 2026 einen kommerziellen Start in London vor, dem bislang einzigen konkret angekündigten Robotaxi-Vorstoß eines US-Anbieters in Europa. Ob und wann daraus ein alltagstaugliches Angebot wie in Phoenix oder Peking wird, ist offen - konkrete Zeitpläne für einen fahrerlosen Regelbetrieb in deutschen Großstädten gibt es bislang nicht.
Was das für Autofahrer in Deutschland bedeutet
Wer auf ein baldiges Robotaxi vor der eigenen Haustür hofft, wird sich in Deutschland noch gedulden müssen. Wer heute schon möglichst viel Fahr-Automatisierung will, kommt am ehesten über Assistenzsysteme der Stufe 2 - etwa adaptive Abstands- und Spurhalteassistenten, wie sie inzwischen viele Neuwagen ab Werk mitbringen - an das heran, was technisch machbar und in Deutschland auch zugelassen ist. Ein echtes „Lenkrad loslassen und lesen“ wie im Mercedes-Stauassistenten bleibt vorerst die Ausnahme, nicht die Regel.
Quelle: Der Standard, ergänzt um eigene Recherche u.a. zu Waymo-, Baidu- und Mercedes-Zahlen.
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