Runway zeigt Solaris: Apps, die live gerendert statt programmiert werden
Kurz gesagt: Das KI-Videounternehmen Runway hat mit Solaris ein sogenanntes Interface World Model vorgestellt: Statt Code auszuführen, rendert das System die Bedienoberfläche einer App live, Bild für Bild, während der Nutzer sie bedient - etwa beim virtuellen Anprobieren von Kleidung oder beim Verschieben von Möbeln per Sprachbefehl. Laut Runways eigener Nutzerstudie mit 250 Teilnehmern bevorzugten die Tester Solaris-Oberflächen in 61 bis 71 Prozent der Fälle gegenüber klassisch programmierten Interfaces. Verfügbar ist die Technik noch nicht, Runway sammelt Anmeldungen für einen Frühzugang.
Symbolbild: KI-generiert
Das amerikanische KI-Unternehmen Runway, bislang vor allem für seine Video-Generatoren der Gen-Reihe bekannt, hat am 31. August 2026 mit Solaris ein System vorgestellt, das Runway als erstes „Interface World Model" bezeichnet. Der Kerngedanke: Statt eine App-Oberfläche als Programmcode zu bauen und auszuführen, generiert Solaris die sichtbare Bedienoberfläche direkt als Video-Bildstrom - Frame für Frame, live, während der Nutzer klickt, wischt oder spricht. Ein zusätzliches Sprachmodell entscheidet dabei, wie sich die Szene als Reaktion auf Eingaben verändert, und liefert Solaris die Anweisungen für die nächsten Bilder.
Als Beispiele nennt Runway virtuelles Anprobieren beim Online-Shopping, das Verschieben von Möbeln in einer Raumvisualisierung per Sprachbefehl oder Lerninhalte, die statt einer Text-Antwort direkt eine visuelle Demonstration zeigen. Technisch baut Solaris auf Runways Videomodell Gen-4.5 auf und stellt die Ergebnisse derzeit in 720p dar.
Erste Zahlen, aber noch Forschungsstadium
Im offiziellen Blogbeitrag liefert Runway auch Vergleichszahlen: In einer Nutzerstudie mit 250 Teilnehmern und rund 7.500 Paarvergleichen bevorzugten die Tester Solaris-Oberflächen bei der Einhaltung von Anweisungen in 61 Prozent der Fälle gegenüber klassisch programmierten Interfaces (24 Prozent), beim natürlichen Verhalten der Oberfläche sogar in 71 Prozent (21 Prozent für Code). Zusätzlich testete Runway führende Multimodal-Modelle wie Anthropics Claude, GPT-4o und Gemini 2.5 Pro darin, Webseiten-Screenshots strukturgetreu nachzubilden (gemessen per SSIM und DINOv3-Merkmalsvergleich) - alle verglichenen Modelle verloren dabei mit steigender visueller Komplexität an Genauigkeit, was Runway als Beleg für die Grenzen des klassischen Code-Umwegs wertet. Wie sich Solaris selbst in diesen Benchmarks gegen Konkurrenzsysteme schlägt, die ebenfalls Oberflächen ohne klassischen Code erzeugen, nennt der Blogbeitrag nicht - vergleichbare Systeme sind aktuell aber auch kaum am Markt.
Offene Baustellen räumt Runway selbst ein: Lesbarer, verlässlicher Text gilt weiterhin als eines der schwierigsten Probleme der Videogenerierung, ebenso fehlt bislang eine Anbindung an Screenreader und andere Barrierefreiheits-Funktionen. Auch die Verlässlichkeit über längere Sitzungen hinweg sei noch offenes Forschungsfeld - das System kann überzeugend wirkende, aber inhaltlich falsche Antworten liefern.
Was das für Nutzer bedeutet
Praktisch nutzbar ist Solaris noch nicht: Runway sammelt über ein Formular Anmeldungen für einen Frühzugang und spricht von Gesprächen mit „Launch-Partnern", ohne diese namentlich zu nennen. Für Verbraucher im Smart-Home-Bereich ist der Ansatz vor allem als Ausblick interessant - etwa für Konfiguratoren, die Möbel oder Geräte realistisch im eigenen Raum zeigen, ohne dass dafür jede Variante einzeln programmiert werden muss. Bis solche Anwendungen alltagstauglich sind, dürfte laut den von Runway selbst genannten Einschränkungen noch einige Zeit vergehen.
Quelle: The Decoder, ergänzt um Recherchen bei Runway, abgerufen am 1. September 2026.